GRIMMS TageBoog –
Die Selbstbeteiligungs-Überraschung

Liebes TageBoog,
manchmal dauert es lange bis man so etwas wie Erkenntnis findet. Ein Stück Wahrheit oder einfach nur eine wertvolle Erfahrung die einen weiterbringt. Manchmal kommt diese Erkenntnis nur zu Stande, wenn dich jemand mit seiner Nase direkt darauf drückt. In meinem Fall jemand mit einer kleinen schwarzen und immer feuchten Nase. Boog, unser kleiner Labrador. Das sind seine Geschichten, unser gemeinsames Leben – der Popstar, der Hund und der tägliche Wahnsinn.
Er war eine Überraschung. Ihr wisst schon Überraschungen sind die kleinen Dinge des Lebens, die einem das Leben oder eine vertraute Person schenkt. Nun gut, bei dieser Überraschung hänge ich mit einer 200 € Selbstbeteiligung mit drin, aber sie kam trotzdem überraschend. Wobei ich zugeben muss, dass überraschend vielleicht etwas übertrieben ist. Seit über drei Jahren darf ich mir bei jedem Werbespot mit einem Hund, bei jeder Tierdoku in der ein Hund vorkommt und auch bei jedem Werbeprospekt, auf dem ein kleiner Hund freundlich in die Kamera hechelt anhören: „Oh wie süß ist der denn! Schatz, findest du nicht, dass es Zeit wird, dass wir uns auch einen kleinen Hund zulegen!“ Meine Antwort? All die Jahre immer die gleiche: „Du weißt doch Schatz, ich bin zu viel unterwegs. Ich bin immer nur auf der Autobahn, im Studio, bei Drehtagen oder in anderen Ländern, um mir andere Dinge anzusehen. Du musst arbeiten und hast Schichtdienst. Wie soll das gehen? So sehr ich Tiere mag, aber mein Alltag lässt es nicht zu.“ Das galt zumindest für Hunde. In den letzten Jahren haben wir uns immer weiter gesteigert. Zuerst hatten wir pflegeleichte Mäuse namens Pop und Corn. Kurze Zeit später folgten die beiden Hamster Teddy und Freddy und danach kamen Moppel und Fatty, unsere beiden Hasen. Von all unseren Mitbewohnern lebt leider nur noch Hase Moppel. Klein, weiß, flauschig und neugierig wie ein ganz Großer. Seitdem ich Popstars gewonnen hatte, war mein Leben eine einzige Autobahnfahrt und für größere Tiere war halt keine Zeit. Nein, jetzt kommt nicht die Nummer mit der Überholspur. Natürlich gab es Zeiten, wo ich auf fünf Parties gleichzeitig tanzte und zwischen Bravo Supershow und The Dome hin und her flog. Aber irgendwann ist es mit so einer Band vorbei und dann kommt erst mal der Standstreifen. Das dann aber auch ohne Warnblicklicht und ebenso ohne Hilfe vom ADAC. Dann steht man da und weiß erstmal nicht wie der Motor wieder anspringen soll und man im Musik- und Medienbereich wieder Fuß fassen soll. Was daraus folgt? Ein Leben ohne Rast und Ruhe. Eben ein Leben in dem man sich Urlaub, lange Pausen und einen Hund nicht erlauben kann. Zum einen aus Kostengründen und zum anderen weil man eben jede noch so schwachsinnige Chance auf ein Comeback wahrnehmen muss. Aber ich konnte ja nicht verhindern, dass er in mein Leben trat, wie auch, ich war nicht im Land als die Entscheidung fiel ihn in die Familie zu holen. Ich verweilte in London und hörte mir neue InEar-Kopfhörer an. Einer dieser Rast- und Ruhelos-Jobs halt und auch mal einer der wirklich Spaß machte. Die Kopfhörer wurden im Umfeld der Brit Awards vorgestellt und so hörte ich nicht nur Musik in meinen Ohren, sondern sah mir alle angesagten Topacts der Musikszene live an. Natürlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zu gerne würde ich wieder selbst bei einer Preisverleihung auf dem Parkett sitzen und darauf hoffen, dass ausgerechnet mein Name aufgerufen wird. Doch 2009 war ich davon weiter entfernt als die Amerikaner von einer schlanken Bevölkerung. Nach der Verleihung ging es auf die Aftershowparty, eine Party die eher einer Mottoveranstaltung glich. Das Motto war wohl Jahrmarkt der Kuriositäten und neben einem Autoscooter stand auch ein Wrestlingring in der Halle. Irgendwann schwenkte das Motto ohne meine Notiz um und es wurde eine betrunkene Britinnen Party. Noch nie zuvor hatte ich so viele vollkommen betrunkene Frauen gesehen, die ungeniert auf dem Boden der Halle lagen und unverständliches Zeug sangen. Ich schloss mich dem Motto an und konnte nur so meinem Fremdschämen entfliehen. Am Morgen danach gab es ein deftiges englisches Frühstück und einen extrem eiligen Shuttlefahrer zum Flughafen. Mein Frühstück überlegte sich zwischen zwei extremen Linkskurven bei gefühlten 200 km/h, ob es noch einmal den englischen Wolkenhimmel sehen mag, verweilte dann aber doch in meinem sehr durchgeschüttelten Magen. Einchecken und ab in den Flieger, so war der Plan. Schade nur, dass neue Sicherheitsbestimmungen gleich wieder meinen Plan durchkreuzten. Nicht nur, dass alles Flüssige fein säuberlich in kleine Tütchen verpackt werden musste, auch Laptop und Gürtel mussten entfernt werden. Dieses Spiel war mir vertraut, nur neu war mir, dass man nun auch seine Schuhe ausziehen muss. Ziemlich verdutzt schaute ich das Sicherheitspersonal an und entledigte mich meiner Käsemaukenschutzhüllen. Natürlich, ich könnte eine ganze Atombombe in meinen 43er Sneakern verstecken. Ihr etwa nicht? Na egal, ich folgte den Anweisungen brav und saß endlich im Flieger. Wie für London üblich, saß ich dort auch erst einmal eine gute Stunde auf dem Rollfeld fest. Irgendwann hob die Kiste dann ab und ich war in der Luft und eingeschlafen. Endlich in Düsseldorf gelandet richteten sich meine Gedanken nur noch auf eine Sache: „Schnell wieder schlafen!“ Im Halteverbot wartete meine bessere Hälfte auf mich und ich hatte keine Ahnung, dass mein Plan mit dem Schlafen ein Wunschtraum bleiben sollte. „Schatz, pack deine Tasche in den Kofferraum und setzt dich hinten ins Auto!“ „Hinten? Ich? Auf keinen Fall. Mir wird in Autos hinten immer kotzübel. Außerdem ist das mein Auto und ich setz mich hin wo ich will. Wahlweise auf den Fahrersitz.“ Während ich diese Sätze formulierte, fiel mein Blick auf die Rückbank und auf ein kleines, schwarzes Kneul, das mit heraushängender Zunge und wedelndem Schwanz meine Aufmerksamkeit forderte. „Das ist Boog und der wohnt jetzt bei uns!“ Das nenn ich Überraschung, genauso wie die Überraschung im folgenden Nebensatz: „Er war echt ein Angebot. Nur 400€! Die hab ich aus unserer Spardose genommen.“ Seht ihr, da ist die Erklärung für die 200€ Selbstbeteiligung, die ich am Anfang erwähnt habe. Aber egal, denn das was da hinten auf der Rückbank saß war eh nicht mit Geld zu bemessen. Noch nie habe ich in so kleine, liebevolle und zugleich fragende Augen gesehen. Es wirkte wie ein „Hallo, ich bin ein Labrador. Wer bist du? Wo kommst du her und warum ist das hier so laut, wo du herkommst? Kurze Zeit später fand ich mich tatsächlich auf der Rückbank meines eigenen Wagens wieder und kraulte einen kleinen, schwarzen Kopf bis ich selig einschlief. Für einen kurzen Moment war mein Rast- und Ruhelos Leben vergessen und die Heimfahrt hätte auch mehrere Stunden dauern können, ich war ohne Zeit und Raumgefühl auf der Rückbank gefangen zwischen Fellbergen und Milchzähnen. Wow, was für ein Gefühl. Endlich Frieden gefunden und das durch das genialste Überraschungs-Selbstbeteiligung-Geschenk auf vier Pfoten. Das dies nur ein trügerischer Frieden sein sollte, war mir auf meiner Rückbank nicht wirklich bewusst. Doch zwischen Frieden und Chaos standen nur noch zwei Stunden bis zur Dämmerung. Was ich damit meine? Das erfahrt ihr im nächsten Teil des TageBoogs….Fortsetzung folgt…

